Seltsame Blüten

Das sind schon seltsame Blüten, die da im Garten zu finden sind. Zuerst sah ich es vom Sofa aus: Auf dem Beet, das im letzten Jahr pflegeleicht angelegt worden ist – einige wenige Grünpflanzen und viel Rindenmulch – war etwas Neues, halb verdeckt von einem Ziergras, aber bunt. Erst als ich zum Fenster ging, erkannte ich den Fußball. Ich habe ihn aus dem Beet gefischt und neben die Haustür gelegt, weil ich dachte, spielende Kinder hätten ihn verloren und sich nicht in dén Garten getraut.

Roter Ball zwischen Blumen

Fundsache im Blumenbeet

Doch als ich ihn hochhob, sah ich den Riss im Leder, die Hülle war schlaff, die Luft heraus. Natürlich ist niemand gekommen, um den Ball zu holen; man hatte ihn wohl schlicht über die Hecke geworfen, um ihn zu entsorgen. Aber für einen kleinen Augenblick hatte ich den Ball für eine außergewöhnliche Blüte gehalten, für kurze Zeit war er ein hübscher Farbtupfer im noch sehr kargen Beet.

Einige Wochen später war eben dieses Beet mit Konfetti bedeckt. Hatten etwa die Jungs eine Konfettiparade abgehalten? Was gab es denn schon zu feiern? Ach, es war nur das Ende der Apfelblüte. Solange sie nicht nass wurden, bildeten die Blütenblätter diesen schönen Konfettiteppich.

Die „Jungs“ sind übrigens zwei Erdmännchen, die meine Mutter vor einigen Jahren zu unserer Überraschung vom Pottmarkt zu Libori mitgebracht hatte. Es war einer ihrer letzten Besuche dort und sie brachte ausgerechnet diese invasiven Tierchen mit – nun, Gartenzwerge konnten sie bei uns nicht verdrängen, die hatten es nie in unseren Garten geschafft. Aber ganz kitschfrei sind wir nun mal auch nicht.

Erdmännchen statt Gartenzwerge

Darf ich vorstellen: die Jungs

Die verschmitzt guckenden Erdmännchen sollten auf uns und das Haus aufpassen, meinte meine Mutter und platzierte das Paar direkt gegenüber der Terrasse in dem damals noch dicht bewachsenen Blumenbeet.

Ebendort stehen sie noch immer; auf dem Rindenmulch bietet jetzt gerade noch ein kleiner Azaleenbusch ein wenig Deckung.

Und seit diesem Wochenende steht dieser in voller Blüte. Das freut nicht nur die Jungs. Endlich echte rote Blüten.

 

 

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Muttertag unter dem Regenbogen

Der Muttertag danach.

Ich war auf dem Friedhof und habe das Grab meiner Großeltern sauber gemacht. Meine Mutter hätte sich darüber gefreut. Vielleicht wären wir heute gemeinsam zum Grab ihrer Mutter gefahren. Jetzt liegt sie selbst auf diesem Friedhof. Noch ist der Grabhügel zu sehen, demnächst wird er wohl eingeebnet. Sie wollte ausdrücklich eine halbanonyme Beerdigung, keine eigene Grabstelle, die gepflegt werden muss.

Wird mir eine sichtbare Stelle des Gedenkens fehlen?

Noch während ich das Laub auf dem Grab meiner Großeltern aufsammelte, donnerte es bedrohlich. Also ging ich zügig weiter zu den jüngeren Gräbern meiner Familie. Ich wollte gerade eine Kerze für meine Mutter anzünden, als der Regen herunterprasselte, ein leichter Mairegen, allerdings mit heftigen Böen, nur der kleine Ausläufer des eigentlichen Gewitters. Während die schwarzen Wolken vorbeizogen, kam schon wieder die Sonne durch. Das ergab ein fast unwirkliches Licht. Ich suchte Schutz unter einer großen Hängebirke wenige Meter hinter den Gräbern – und erkannte einen kleinen Regenbogen noch unterhalb der Baumkronen, darum kaum zu sehen, weil das Frühlingsgrün der Bäume und Büsche die zarten durchsichtigen Farben überdeckte. Ein zweiter, schwacher Bogen erschien darüber am Himmel. Auf der Fahrt nach Hause begleitete mich der Regenbogen, als wolle er mir den Weg weisen.

Das war ein schönes Bild, ja, eine Antwort auf meine Frage: In ihrem Haus, ihrem Garten, an den Orten ihres Lebens ist mir meine Mutter näher als am Ort ihres Begräbnisses; eigentlich bleibt sie mir überall nah, der Ort spielt kaum eine Rolle.

Soweit diese leicht kitschige Geschichte. Aber vielleicht sollte ich doch etwas weiter ausholen. Für meine Eltern war es eine Selbstverständlichkeit, eine Pflicht, besser ein Ehrendienst des Gedenkens und Erinnerns, wenn sie die Gräber ihrer Lieben regelmäßig besuchten und pflegten. Als meine Mutter das Grab ihrer Eltern nicht mehr versorgen konnte, wollte sie, dass jetzt ein anderer Familienzweig die Verantwortung und die Kosten übernimmt. Mir verbot sie es, denn nun seien eben andere dran. Ach, was für ein blöder Familienzwist. Tatsächlich verwahrloste das Grab fast. Also habe ich doch dort sauber gemacht und war dann stolz, wenn sie es beim nächsten Besuch bemerkte. Fast immer schimpfte sie erst ein wenig („So ändert sich nie etwas!“), doch dann drückte sie meine Hand. Natürlich ging es um mehr: Ich wollte ihr beweisen, dass ich mich erst recht um ihr Grab kümmern würde, wenn es soweit wäre. Aber in ihrem letzten Willen hatte sie alles ganz pragmatisch festgelegt; sie wollte für uns keine langfristige Verpflichtung nur für einen Ort, an den man Blumen und Kerzen bringen kann. Wir haben ihren Wunsch respektiert.

Wir sind kein Einzelfall. Unsere Friedhöfe verändern sich: alte Familiengrüfte verfallen, immer mehr anonyme Begräbnisflächen unter pflegeleichtem Rasen werden eingerichtet. Seit Generationen pflegte jede Region ihre eigene Friedhofs- und Gedenkkultur. Jetzt verwischt der gesellschaftliche Wandel alles. Wir haben weniger Zeit, leben mehr im Hier und Jetzt, sind weniger ortsgebunden, Familien brechen schneller auseinander, es gibt weniger oder gar keine Nachkommen, … . Wer will, wer kann da noch für ein Vierteljahrhundert die Verpflichtung für ein paar Quadratmeter Erinnerungskultur auf öffentlichem Grund übernehmen? Meine 80jährige Mutter war eher bereit, diesen Wandel zu akzeptieren, als ich.

Vielleicht stand dereinst der Ahnenkult am Beginn unserer Zivilisation. Der Mensch ersann Rituale und fand für sich Symbole, um den Verlust besser ertragen zu können, um persönlichen Schmerz in einer Trauergemeinschaft zu teilen und um dem Unbegreifbaren einen Sinn zu geben. Vielleicht ergab sich daraus ein Bedürfnis nach Sesshaftigkeit oder zumindest zur regelmäßigen Rückkehr an bestimmte Orte, vielleicht war das mit ein Anstoß für all das, was wir heute unsere Kultur nennen.

Der Tod ist unbegreiflich geblieben, wir haben auch heute keine besseren Antworten als die frühen Menschen. Wir suchen weiter Rituale und Symbole, die uns als einzeln Hinterbliebenem und als Teil einer Gemeinschaft bei der Bewältigung von Trauer, Schmerz und unseren Urängsten helfen.

Der Regenbogen ist ein schönes Symbol für mich an diesem Muttertag.

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Frühlingsanfang

Eine kleine Bestandsaufnahme, heute am Ostersonntag. Als die Jalousinen hochgingen heute Morgen und auch jetzt am Mittag scheint die Sonne, aber es ist kühl und weiß-graue Wolken beherrschen den Himmel. Solange es trocken bleibt, nutze ich die Gelegenheit für einen Gartenrundgang und ein paar Fotos.

Einige Bodendecker blühen zum Teil schon recht üppig, vor allem die Posten vom Weißen Duftsteinrich (zumindest glaube ich, dass es so heißt); aber auch die kleinen, zarten Blüten zwischen dem Grün finde ich bezaubernd.

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Wie dieser Strauch heißt, weiß ich nicht. Wir haben ihn im Herbst offenbar kräftig zurückgeschnitten, ich erinnere mich aber nicht, ob ich das mit den Anweisungen meiner Mutter getan habe oder ob sogar noch sie selbst die Gartenschere geschwungen hat. Jetzt zeigen sich erste gelbe Puschel.

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Der Apfelbaum hat zarte Blätter und viele Knospen, die ersten gehen schon auf. Mein Bruder war besorgt, dass die neue Gartenhütte den Wurzeln schaden könnte; aber der alte Baum sieht gesund aus.

 

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Auch die zwei verbliebenen Johannisbeersträucher sitzen voller Blüten; sie sind ganz unscheinbar im Gegensatz zu den erwarteten knallroten Beeren, die hoffentlich aus ihnen wachsen.

 

Und die Rosen. Ich lese gerade, dass man sie bis spätestens Mitte April zurückschneiden soll. Also jetzt! Aber sie sind schon ganz grün und haben viele Knospen. Was soll ich da wegschneiden?

Was auf jeden Fall wächst und gedeiht, ist natürlich das Unkraut: Löwenzahn & Co im Rasen, zwischen den Wegplatten, unter der Hecke. Aber manchmal zeigt es sich auch so malerisch wie hier im Kiesbett neben der Terasse mit niedlichen kleinen violetten Blüten. Es tut mir direkt leid, das herauszureißen.

 

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Neubeginn im Garten

So, das war der erste Rasenschnitt des Jahres. Es ist seltsam, dass niemand zurückgrüßt, wenn ich zum Küchenfenster hineinwinke, niemand grinst vom Balkon herunter und macht spitze Bemerkungen …

Ich habe nun wahrlich keinen grünen Daumen. Rasenmähen und Unkrautzupfen kann ich; ansonsten muss man mir schon genau sagen, was ich tun soll. Ich kann Kraut und Unkraut nicht unterscheiden, weiß nichts darüber, was wann im Gartenjahr getan werden muss; ich habe keinen Plan, wie der Garten mal aussehen soll, nur eine vage Vorstellung von bunten Blüten, viel Grün, pflegeleicht soll er sein und naturnah und ökologisch. Jaja, so viel weiß ich schon: die letztgenannten Punkte sind die Quadratur des Kreises.

Ich habe immer noch die Überzeugung, dass ich fast alles lernen kann, wenn ich will und die richtige Anleitung habe, am besten durch einen guten Lehrer oder eben durch Bücher, Filme etc. Nun, Gartenbücher gibt es genug. Ich werde jetzt also unsere Bibliothek durchforsten und mir Rat und Anregungen holen, sowohl für die notwendigen Arbeiten im Jahreslauf als auch für die langfristige Planung, wenn ich den Garten umgestalten will.

Bisher konnte ich nicht einmal eine einfache Zimmergrünpflanze, von der alle behaupteten, die sei idiotensicher, am Leben halten: Gießen vergessen oder im Übereifer ersäuft, meist in der Reihenfolge. Auf meinem Balkon sieht es auch nicht gut aus, grün ist da nur das Moos. Da ist der Garten jetzt eine echte Herausforderung, ein spannendes Projekt. Und es muss gelingen. Eine Zimmerpflanze kann ich einfach neu kaufen. Bei einem ganzen Garten kann ich nicht immer wieder neu starten, zumindest nicht bevor ich groß im Lotto gewonnen habe oder so.

Es wird wohl einige Jahre dauern, sicher wird es auch Rückschläge geben. Hoffentlich überleben das der Apfelbaum, der schon im Garten meiner Großeltern stand, die Johannisbeerbüsche, die das Obst für unseren Lieblingskuchen lieferten, und die Rosen, ja vor allem die Rosen, die meiner Mutter so viel Freude gemacht haben.

Tja, leider habe ich nicht viel von dem behalten, was meine Mutter mir über die Pflanzen beibringen wollte. Mein Bruder hatte Pläne und Vorstellungen zu einem Biogarten, die wir aber nicht mehr besprechen konnten. Mir ist, als schauten mir die beiden über die Schulter. Aber ihren Rat höre ich nicht mehr. Also: lernen, versuchen, machen. Das erste Rasenmähen ist geschafft, noch viel Arbeit wird folgen. Ich bin motiviert. Und ich werde hier vielleicht weiter berichten.

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Das innere Bild: Rollenfindung „Hofhund Hannes“, Teil 2

Wie spiele ich auf der Bühne einen Hund? Wie setze ich seinen Charakter um? Dazu brauche ich vor allem zweierlei: ein „inneres Bild“ von meiner Rolle, ihres Charakters und ihrer Mimik, Gestik, Körperhaltung sowie ein Feedback von außen. Das, was ich „inneres Bild“ nenne, ist gar nicht so leicht zu erklären, denn eigentlich sind es viele Bilder, und die müssen der zu spielenden Figur nicht einmal ähnlich sehen.

Eigentlich suche ich mir Vorbilder, von denen ich hemmungslos passende Gesten klauen kann. Solche Vorbilder entdecke ich im Fernsehen, in irgendwelchen Filmen und auch im Alltag. Ich beobachte meine Mitmenschen und natürlich auch fiktive Figuren und suche Gesichtsausdrücke, Bewegungen, vielleicht sogar kleine Ticks, die zu meiner Rolle passen könnten. Wenn man Text spricht, ergeben sich die passenden Bewegungen meist fast von selbst. Viel schwieriger ist es, auf der Bühne einfach zu sein. Das wird oft vergessen, auch leider von vielen Laiendarstellern, aber natürlich muss man sich auch dann in seiner Rolle bewegen und verhalten, wenn man nur stumm zu sehen ist. Regieanweisungen in den Textbüchern sind an diesen Stellen sehr dürftig oder fehlen ganz. Doch auch wenn Hannes nur so vor seiner Hütte herum liegt: Verfolgt er das Gespräch der anderen? Oder ist er selbstvergessen mit irgendetwas beschäftigt, vielleicht schläft er sogar? Wann wird er endlich doch aufmerksam? Woran erkennt man das?

Selbst wenn Hannes ein Hund ist, so suche ich meine Vorbilder tatsächlich nicht ausschließlich im Tierreich. Hannes ist ja doch sehr menschlich in seinem Verhalten; tatsächlich ist er genau die Vermenschlichung, die viele Hundebesitzer in ihren treuesten Freund hinein projizieren. Er kann sprechen, läuft zweibeinig, besitzt einen – wenn auch schlichten – Verstand. Also schaue ich mir nicht nur an, wie ein echter Hund liegt, wie er Pfötchen gibt, wie er um ein Leckerli bettelt; genauso gut springen mich manchmal auch bestimmte Verhaltensweisen von Menschen an, die mir passend erscheinen. Da ist z. B. jemand, der nie still stehen kann, während er spricht. Oder ein anderer, der seinen Mund auf eine sehr eigentümliche Art verzieht, ohne sich selbst dessen bewusst zu sein. Ich benötige für eine Bühnenrolle deutliche Gesten, ein leichtes Naserümpfen nimmt niemand in der 7. Reihe mehr wahr. (Wir neigen sehr dazu, uns selbst immer sozusagen in Großaufnahme zu sehen und vergessen darüber, dass im Theater das Publikum nicht nur in der 1. Reihe sitzt.) Mundverziehen ist deutlicher als Naserümpfen. Sehr gut geeignet als Vorbilder sind, gerade bei tierischen Rollen, Comic- und Zeichentrickfiguren. Wenn Hannes mal wieder vor Freude völlig ausflippt, habe ich Pluto vor Augen, wenn er treu-mitfühlend schaut, dann lege ich den Kopf schief, wie ich es bei Susi und Strolch (und auch bei vielen realen Hunden) gesehen habe. Wenn Hannes Cinderella anhimmelt, habe ich übrigens eine Figur aus einer Science-Fiction-Serie vor Augen, ein lustig-dummer-liebenswerter Außerirdischer.

So entwickle ich Szene für Szene eine Kette von Vorbildern in meinem Kopf, ein Puzzle aus vielen Typen, die ich mit meinem Spiel zu meinem Rollencharakter verbinde. Ob das wirklich so wirkt, wie ich mir das vorstelle, können mir aber nur andere sagen: meine Mitspieler, die Zuschauer bei den Proben und vor allem natürlich die Regisseure. Auf deren Rückmeldung bin ich angewiesen. Darstellendes Spiel ist immer Teamarbeit. Und das letzte, das wichtigste Feedback kommt dann natürlich vom Publikum.

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Mit verstellter Stimme: Rollenfindung „Hofhund Hannes“, Teil 1

Cinderella, Plakatbild der Kolpingspielschar

Cinderella, Plakatbild der Kolpingspielschar 2016

Im aktuellen Stück der Kolpingspielschar „Cinderella“ spiele ich den Hund Hannes. Er ist eines der Tiere auf dem Hof der Stiefmutter; ein Freund der Titelheldin, der sich nur allzu gern von ihr verwöhnen lässt, der im Dauerstreit mit der Katze Beelzebub lebt und der seine Aufgabe, die (kleineren) Tiere zu beschützen, pflichtbewusst aber auch möglichst lässig und bequem (gar etwas faul?) erfüllt. Er grummelt über die Gemeinheiten der Stiefmutter und der Halbschwestern gegen Cinderella, aber außer Bedauern und etwas Trost hat er keine echte Hilfe zu bieten. Kurz: er ist liebenswert, treu und gutmütig, aber letztlich doch nur laut und hilflos („Hunde, die bellen …“). Seine geradezu aufdringliche Art, um Streicheleinheiten zu betteln, machen Hannes auch zu einer komischen Figur; hinzu kommen die Verfolgungsjagden mit der Katze, die zu Slapstickeinlagen führen.

Soviel gibt der Text her. Wie entwickele ich daraus jetzt meine Rolle, meinen Charakter? Zuerst einmal benötige ich eine passende Stimme. Damit lege ich auch schon ein Stück weit den Charakter fest – oder umgekehrt. Ich wollte keinen kleinen Kläffer, sondern – auch meinem tatsächlichen Alter geschuldet – einen eher schwerfälligen, schon etwas älteren Hund spielen. Da passt eine tiefere Stimme, die auch leicht rau klingen darf. Eine meist ruhige Sprechweise, die aber bei Bedarf wiederum schnell, fast atemlos (im Sinne von ohne Atempause) sein kann, z. B. wenn Hannes vor Freude herumspringt.

Die Suche und das Ausprobieren einer passenden Stimme beginnt bereits mit dem ersten Lesen. Jeder hat seine eigene Methode des Lernens, aber ich muss Text immer laut lesen und lernen. Ich muss ihn stimmlich interpretieren, verschiedene Stimmlagen und unterschiedliche Tempi ausprobieren, mal mit Pausen, mal flüssig sprechen. Oft improvisiere ich frei, spreche den Text mit meinen eigenen Worten oder spiele eine Szene einfach weiter, lasse meine Figur plappern unabhängig vom eigentlichen Verlauf des Stückes. Oder ich spiele meinen Alltag in meiner Rolle: Hannes in der Küche, beim Aufräumen, am Schreibtisch … – natürlich nur, wenn ich alleine bin. Eine verstellte Stimme in allen Situationen beizubehalten, ohne unschöne Kiekser dazwischen, ist schwierig. Außerdem darf natürlich nicht die deutliche Aussprache leiden. Und auch das Lautsprechen muss man üben, üben, üben.

Selbstgespräche ist man von mir ja gewohnt, aber mit verstellter Stimme und für einen Menschen ungewöhnlichen Lauten? Ich wohne in einem normalen Mietshaus, leider etwas hellhörig. Keine Ahnung was meine netten Nachbarn denken würden, wenn sie mich in allen Tonlagen bellen oder jaulen hören. Dafür suche ich mir also besser andere Orte.

Eine Möglichkeit, sich gerade auch vor den Proben einzustimmen und die Stimme aufzuwärmen, ist meine Fahrt über die Autobahn. Ich sitze allein im Wagen und niemand achtet dort auf die Fahrer, schon gar nicht jetzt in der dunklen Jahreszeit. Ein bisschen Lalala, vielleicht Tonleitern singen, da ich ja tiefer als normal sprechen will: Tonleitern abwärts. Einzelne Laute oder ganze Sätze ausprobieren. Dafür muss man sich gar nicht auf seinen richtigen Text konzentrieren (schließlich gilt die Konzentration beim Fahren dem Verkehr!): ich antworte dem Radio-Moderator, als würde er mich interviewen, ich kommentiere die Musik oder beschimpfe die anderen Verkehrsteilnehmer – Hauptsache, ich tue dies konsequent mit meiner verstellten Stimme. Auch unterschiedliches Bellen wird geübt: ein zustimmend-kurzes Wuff für den Radio-Kommentar, ein wütendes Wau-ra-wau für diesen blöden drängelnden Audi-Fahrer, ein glückliches Wow-wow-wahuuuh in den Sonnenuntergang.

Also wenn Sie auf der A33 ein kleines Auto überholen und Ihnen zufällig auffällt, dass die seltsame Fahrerin scheinbar bellt und jault – das bin dann wahrscheinlich ich.

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Nachtrag zum Probenwochenende: Kinder-Theater

Cinderella, Plakatbild

Cinderella, Plakatbild Kolpingspielschar Paderborn

Ich habe ja erwähnt, dass Kinder an unseren Proben teilnehmen. Fast alle sind schon in der Schule; und sie spielen nicht nur als süße Statisten, sie haben kleine Rollen, die extra für sie in den Text hineingeschrieben worden sind. Sie werden in eigenen Kinderproben von einem unserer erfahrensten Mitspieler (er ist zudem Theaterpädagoge) vorbereitet und proben dann in den letzten zwei Monaten vor den Aufführungen ganz normal mit.

Natürlich waren sie auch beim Probenwochenende dabei. Sie hatten ein eigenes Spielzimmer, in das sie sich zurückziehen konnten, wenn sie nicht dran waren. Meist wollten sie aber lieber zugucken. Das ist natürlich doppelt anstrengend für die Eltern, die ja selbst eine Rolle spielen oder andere Aufgaben in unserer Theatergruppe haben.

Die Jüngste ist knappe 1 1/2 Jahre alt, sie schaut zu und spielt eigentlich nicht mit. Eigentlich. Ihre Mutter ist aber in fast jedem Bild auf der Bühne und muss gleich zu Beginn das Eingangslied singen.

Die Gesamtprobe am Sonntagmorgen konnte endlich beginnen, die Regie sorgte für Ruhe, gab das Startzeichen: „Der Vorhang öffnet sich“; die Musik erklingt … . Da tapst unsere jüngste „Zuschauerin“ auf die Probenfläche und hockt sich mitten ins Bild. Wir hatten dort einen kleinen „Teich“ angedeutet (ein kaum aufgeblasenes Mini-Planschbecken stellte dieses Bühnenbild-Detail dar) und Klein A. setzte sich eben dort hinein. Nun, um den „Teich“ mussten wir ja sowieso immer herumspielen, also war sie nicht im Weg. (Vielleicht sollte das jetzt nicht die Mutter hören, aber ich habe gespöttelt, die Kleine sei jetzt halt das Entlein im Teich.) Die Mutter sang ihr Lied, aufmerksam verfolgt von ihrer zu ihr aufschauenden Tochter. Nach und nach kamen immer mehr Darsteller auf die Bühne, wir spielten immer um Teich und Klein A. herum, vergaßen sie fast darüber.

Bis zur Verfolgungsjagd von Hund und Katze. Der Hofhund Hannes soll den frechen Kater Beelzebub von der Bühne jagen. Ich springe also auf (ich bin der Hund), belle wütend los – und werde von dem erschrockenen Blick aus dem „Ententeich“ ausgebremst. Ein Blick, wie ihn nur Kleinkinder können. Verschreckt, gleichzeitig aber auch vorwurfsvoll. Wie konnte ich nur! Ich habe mich von da an nicht mehr getraut, richtig laut zu bellen. Das hat mir dann bei der abschließenden Besprechung eine kritische Bemerkung der Regie eingebracht („Du bist ein Hund, das musst du auch zeigen! Du hast schon mal besser gebellt.“)

Bei dieser Abschlussbesprechung saß ich auf dem Boden neben einem Matratzenberg, auf dem auch ein oder zwei Kinder herumkrabbelten. Eines rutschte herunter, setzte sich neben mich und zupfte mir am Ärmel. Ich wollte gerade sagen, dass ich jetzt keine Zeit hätte, weil wir noch leise sein und zuhören müssten, blabla. – Doch da sitzt sie, schaut mich groß an und sagt schlicht: „Hallo. Hallo. Hallo.“ Ich weiß nicht, wie oft; scheinbar ein Wort, dass sie gerade gelernt hat und jetzt ausprobiert. Und wieder dieser direkte Blick, diesmal ohne Schreck, ohne Vorwurf. Nur Hallo.

Das ist vielleicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
Hallo.
Wuff.

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